Klares Denken im Recruiting – vom Unconscious Bias zur besseren Entscheidung

Klares Denken im Recruiting – vom Unconscious Bias zur besseren Entscheidung

Wir alle denken in Mustern – oft unbewusst. Diese sogenannten Unconscious Biases beeinflussen unser Urteilsvermögen und führen gerade auch im Recruiting dazu, dass wir gern mal zweitbeste Entscheidungen treffen.

Typische Beispiele, die jeder wohl kennt und erlebt hat: der erste Eindruck dominiert. Oder wir bevorzugen Menschen, die uns ähnlich sind („Mini-Me-Effekt“ oder Affinity Bias). Oder wir lassen uns von einem einzigen ganz bestimmten Merkmal – sei es positiv (Halo-Effekt) oder negativ (Horns-Effekt) – geradezu blenden. Diese Effekte verhindern eine nüchterne, faire Einschätzung und führen leider nicht selten dazu, dass wir gute Kandidat*innen übersehen oder sogar langfristig ungeeignete bevorzugen.

Neben dem Fehlleiten durch den ersten Eindruck gibt es im Recruiting und in „Vorstellungsgesprächen“ und Assessments weitere häufige kognitive Verzerrungen, nicht nur in der Bewertung von Kandidaten*innen, die man kennen sollte, um für sie sensibel zu sein und sie einzuhegen:

  • Confirmation Bias: Bereits getroffene Urteile werden im Gespräch unbewusst bestätigt – statt hinterfragt. Leider auch einer DER Diversity-Killer…
  • Groupthink & Social Proof: In Gruppenentscheidungen setzen sich oft dominante Meinungen durch, nicht die besten Argumente. Der Boomer-Chef oder das Sportbusiness-Alphatier lässt grüßen…
  • Self-serving Bias: Erfolge werden überbetont – besonders im eigenen Rückblick auf getroffene Entscheidungen. Das betrifft eher die Kandidatenseite und sollte hinterfragt werden…
  • Zero-Risk Bias: Aus Angst vor Fehlentscheidungen werden endlose Auswahlrunden geführt, statt mutig, aber wohlüberlegt zu entscheiden. Kennt leider wohl auch jeder. Meist auch ein top10 Diversity-Killer…
  • Action Bias: In unangenehmen Gesprächssituationen reagieren Recruiter vorschnell, statt Stille auszuhalten und Tiefe zuzulassen. Geht immer zu Lasten der Gesprächsqualität…

Solche „Denkfehler“ sind zwar menschlich, auch im Recruiting, und per se kein Ausdruck eines schlechten Charakters. Es ist aber wichtig, sie zu kennen, zu benennen und ein Bewusstsein für sie zu schaffen bei allen die rekrutieren „dürfen“ – statt zu meinen, man könne das ganz abstellen.

Es gilt deshalb: Objektivierung und Reflexion statt Sympathieentscheid

Und noch etwas: Recruiting-Gespräche sind leider viel auch zu oft geprägt von zu schnellen Einschätzungen. Studien zeigen, dass viele Personalentscheidungen bereits in den ersten Minuten eines Gesprächs getroffen werden – meist auf Basis von Sympathie. Emotionale Nähe wird dann gern mit Eignung verwechselt (siehe oben). Und das insbesondere auch in einer Branche wie der unsrigen, dem Sport. Armeen von jungen Männern in blauen Chinos und weißen Turnschuhen mit hoher Teamsportaffinität lassen grüßen.

Verbindliche Gesprächsleitfäden, strukturierte Bewertungsraster und schriftlich fixierte Zielbilder sind deshalb keine bürokratische Last, sondern wichtige Werkzeuge zur Objektivierung und Reflexion. Auch vs. dem Bias… Sie helfen, subjektive Eindrücke und auch „Denkfehler“ zu relativieren und verschiedene Sichtweisen im Team zusammenzuführen.

Klares Denken ist trainierbar

Das Schöne: All das ist erlernbar. Klares Denken im Recruiting lässt sich kultivieren – durch bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Denkmustern, durch strukturierte Prozesse, aber auch durch das aktive Zulassen von Perspektivenvielfalt. Wenn unterschiedliche Recruiter*innen gemeinsam auf Kandidat*innen blicken, ihre Eindrücke protokollieren, vergleichen und diskutieren, entstehen ausgewogenere Urteile.

Der Weg zu besserem Recruiting beginnt mit dem Akzeptieren, dass wir alle Denkmuster und Vorurteile in uns tragen. Erst danach können wir sie erkennen, reflektieren und schrittweise reduzieren. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von professioneller Reife.

Über den Einsatz von KI im Recruiting.

Über den Einsatz von KI im Recruiting.

Zum Einsatz von KI im Recruiting bleibt mir Stand heute und Anfang des Jahres 2025, sowie im Bemühen alles zu berücksichtigen, was im HR-Tech-Dschungel möglich erscheint, noch lediglich ein glasklares „Ja, aber…“ zu proklamieren.

Steile These so kurz nach der seelig-Sprechung zehntausender digital Evangelists (mein Unwort des Jahrzehnts übrigens…) auf der OMR und im Lichte allgemeiner Goldgräberstimmung und Disruptions-Vorhersagen? Von mir aus! Aber gerade deshalb ein paar erläuternde Gedanken, Quellen und Empirie zum Thema…

KI im Recruiting-Dialog

Aus Studien weiß man, dass KI vor allem im Recruiting-Dialog, und auf den kommt es am Ende an, also in der persönlichen Korrespondenz, als unpersönlich und weniger vertrauenswürdig wahrgenommen wird. No-Brainer – leuchtet ein, bei „künstlich“ oder „artificial“. Denn nur etwa ein Drittel der Bewerber steht KI im Recruiting, wenn überhaupt, verhalten positiv gegenüber. Wobei sogar nur ein Viertel der Bewerber die voll- oder teilautomatisierte Kommunikation mit dem Arbeitgeber, wie über Bots oder über das Einreichen von vorgefertigten „Vorstellungs-Videos“, überhaupt akzeptieren[1]. Viele meiner Mandanten die gerade mit letzterem nach Corona immer mal experimentierten, sind davon weitgehend wieder abgekommen. Die Mehrwerte solch gestelzter Videobewerbungen konnten selten bis nie den Aufwand, Aufriss und Verdruss solcher „Lösungen“ kompensieren, nicht nur auf Bewerberseite.

KI ist für die persönlichen Bewerber-Dialoge noch ein Stück davon entfernt autark „durch zu rekrutieren“ und wird derzeit dementsprechend vor allem beim Sourcing und Matching und für Stellenanzeigen genutzt[2]. Auch wenn gerade im Bereich der Gleichbehandlung wider bewusster oder unbewusster Stereotypisierung, der KI unwiderlegbare Stärken zugeschrieben werden können. Trotzdem steht das Zwischenfazit: je mehr KI-Lösungen die Eignungsdiagnostik übernehmen oder die zwischenmenschliche Kommunikation ersetzen, desto kritischer ist eine Bewertung noch anzuraten vor allem aufgrund der mangelnden Akzeptanz durch die Bewerber. Das persönliche Gespräch bleibt im Mittelpunkt. Durchaus natürlich auch per Video oder „nur“ als Telefonat, es ist derzeit aber (noch) nicht zu ersetzen und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, wohl auch auf mittelfristige Sicht nicht, da am Ende Menschen zusammenarbeiten und man eben diese kennenlernen sollte und will bestenfalls. Inklusive aller Subjektivitäten, unbewusster Vorurteile und prozessualem Gewurstel. Und noch was: das Gespräch mit dem Bot ist alles andere als ein Zeichen von Wertschätzung. Genauso wenig wie die voll-automatisierte E-Mail als Eingangsbestätigung oder gar Absage. Will man die top-Leute begeistern, lohnt es also auch darüber mal nachzudenken.

KI als hoch effizientes Helferlein

Die Potentiale der KI im Recruiting sollen aber natürlich nicht grundsätzlich klein geredet werden, denn sie sind zweifelsohne riesig und nicht nur bei hoch repetitiven Tätigkeiten mehr als nützlich und ja, auch vielfach schon etabliert. Es geht vielmehr um eine Einordnung vor allem für den Einsatz von KI im persönlichen Dialog. Denn KI übernimmt durchaus schon etabliert und erfolgreich viele Aufgaben und Routineaufgaben im Recruiting, etwa beim Erstellen von Stellenanzeigen, beim allerersten „Info@-Servicekontakt“ über einen Chatbot, beim Matching von Jobs und Kandidaten oder natürlich bei der Suche nach Kandidaten im active Sourcing.

Der Mensch als kleineres Übel

Für meinen Fokus, die people analytics über (mehrere) Gespräche, Case Studies und Referenzchecks und im Einklang und Einvernehmen mit dem Urteil der Mandantschaft, bleibt die KI aber bis auf Weiteres eher noch ein Entwicklungsthema. Der menschliche Recruiter bleibt trotz allen Herausforderungen noch das kleinere Übel, wenn man so will. Und zwischen Ablehnung und bedingungsloser Umarmung der KI im Recruiting bleibt deshalb viel Raum für die Entwicklung neuer und dann irgendwann noch funktionalerer und allseits etablierter weiterer Instrumente. Dabei zu beachten ist heute unbedingt schon, dass es ab Februar 2025 eine Schulungspflicht für alle Unternehmen gibt, die die KI nutzen, um die KI-Kompetenz nach Art. 4 KI-VO, der KI-Verordnung der EU aus 2023, nachzuweisen.[3] Zumindest die Europäische Union, ist also bemüht den Einsatz von KI zu keinem Wild-West-Experimentierfeld werden zu lassen. Derlei Regulierung ist mitunter ein Wettbewerbsnachteil, sicher aber keiner im Recruiting.

[1] Belegen BCG & The Network 2023. Aber auch Czernietzki und Westmattelmann in „Zur Wahrnehmung von KI-Systemen im Personalauswahlprozess“ (2024) oder die Studie der internationalen Hochschule UI „KI im Recruiting“ aus 2024, wie auch die Erhebungen „Recruiting Benchmark“ und „Quo Vadis Recruiting“ des Beratungsunternehmens ICR aus 2019 und 2024

[2] Besagen auch Umfragen von LinkedIn „die Zukunft des Recruitings“ und von Mercer „strategic AI adoption in talent aquisition today“ aus 2024

[3] Auf artificialintelligenceact.eu kann man den EU AI Act Compliance Checker Test machen, um für das eigene Unternehmen zu evaluieren, ob und was man regulieren, schulen, beachten muss beim Einsatz von KI, in unserem Fall eben auch im Recruiting

Selbstwirksamkeit schlägt Sinn und Purpose!

Selbstwirksamkeit schlägt Sinn und Purpose!

Immer mehr Menschen streben nach einer Arbeit, die sinnvoll ist oder erscheint, also nach einer Aufgabe, die über den reinen ökonomischen Nutzen für das Unternehmen und einen selbst hinausgeht. Dies belegen zahlreiche Studien und Umfragen. Und nachhaltige-jobs.de quillt geradezu über, auch im Gegensatz zu anderen Plattformen für Job-Offerten. Sinn, oder der neudeutsche Purpose, sind dementsprechend auch zwei der großen Narrative neuer Arbeit.

Sinn und Purpose werden jedoch meist eher im Bereich gesellschaftlich-sozialer oder charitativ-wohltätiger Sinnarbeit verortet. Wir unterstellen demnach auch, dass Mitarbeiter vor allem in Unternehmen arbeiten wollen, die ethisch(er) oder ökologisch(er) handeln. Und landen damit in einem Dilemma.

Denn natürlich wollen viele Unternehmen nachhaltig, sozial und sinnstiftend sein, auch um des Bewerbermarktes wegen. Viele Unternehmungen sind dies aber rein aus dem Unternehmenszweck heraus eigentlich nicht und/oder deren CSR- oder Nachhaltigkeitsstrategie ist von Haus aus eher PR-getrieben, denn Werte-orientiert. Auch in unserer Branche, dem Sportbusiness. Ein übergeordneter Sinn eines Unternehmens, den man dann in der Regel mit Purpose bezeichnen würde und etwas „oberhalb“ des individuellen Sinnempfindens täglicher Arbeit ansiedeln dürfte, ist für viele Unternehmungen und Berufe schwerlich zu erreichen, wenn man nicht originär wohltätig oder etwa im Bereich Green-Tech tätig ist.

Vielleicht hilft es da, insbesondere für das Job und Employer Branding, und deshalb dieser Blogbeitrag als ganz persönliche Einlassung zum Thema, durchaus auch zu verstehen, dass die meisten Menschen, Mitarbeiter, Bewerber mit „Sinn“, vor allem auch eher Selbstwirksamkeit meinen. Zum Beispiel die Selbstwirksamkeit durch mehr Eigenverantwortung, die Selbstwirksamkeit durch ein Einbezogen sein in Entscheidungen oder die Selbstwirksamkeit über die Möglichkeit einer flexibleren Arbeitsgestaltung.

Dass trotzdem viele Unternehmen kommunikativ und auch im Job und Employer Branding irgendwie versuchen „Purpose“, statt vor allem Selbstwirksamkeit, zu kommunizieren, birgt die Gefahr im Green-Washing, Pink-Washing oder sonstigen PR-Schmuh, zu versickern.

Zu empfehlen ist meines Erachtens, und damit meine ich das externe UND interne Employer Branding, nicht nur den Purpose und die Nachhaltigkeitsbemühungen des Unternehmens zu thematisieren, sondern vielmehr den erlebbaren Sinn einer individuellen Aufgabe und die dafür vorhandenen kulturellen  Rahmenbedingungen zu verdeutlichen. Gerne auch schon im Nutzenversprechen der Stellenausschreibung.

Denn Glück und Bindung entsteht durch sinnvolle, wirksame Arbeit, und nicht durch einen künstlich überhöhten Unternehmenszweck. Das zahlt sich dann direkt auch wieder aus. Denn laut diverser Fehlzeiten-Reports, zum Beispiel der AOK, sind Mitarbeiter, die in ihrer eigenen, individuellen Tätigkeit und Arbeit Sinn sehen und finden, nur halb so oft krank. Wenn das kein auch ökonomischer Anreiz ist…

Wirksam zu sein, oder es zumindest so zu empfinden, gelingt übrigens in der Regel viel besser, wenn Mitarbeiter ganzheitliche Aufgaben erfüllen, also nicht nur ein kleines Rädchen im System sind oder sich so fühlen und wenn Erfolge messbar und sichtbar gemacht werden für die eigene Resonanz.

Die Fokussierung auf die Selbstwirksamkeit von Mitarbeitern ist dementsprechend meines Erachtens der besser Weg, um gerade, aber nicht nur, die jüngeren Generationen für das eigene Unternehmen zu begeistern, als dies über gestelzte Nachhaltigkeits-Kampagnen alleine zu versuchen. Das als kleine Anregung aus der „people & culture-Ecke“…

Vom Sonderfall zum Standard: Videocalls im Recruiting.

Vom Sonderfall zum Standard: Videocalls im Recruiting.

Bis 2020 hätte man den Videocall noch als Sonderfall des Recruiting-Gesprächs besprochen. Auch wenn wir bis dahin natürlich schon „skypten“ (die älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch…).

Inzwischen ist der Videocall für fast alle Recruitings der gängige und etablierte erste, echte und persönliche audio-visuelle Kontakt. Meist nach einem allenfalls eher  sondierenden ersten Telefonat.

Und manchmal wird sogar ausschließlich „digital“ rekrutiert. Man trifft sich also erst am ersten Arbeitstag einmal persönlich, wenn überhaupt.

Leidgeprüft ist so etwas wie ein „Videocall-Knigge“, oder zumindest einheitliche professionelle(re) Standards, aber überraschenderweise gerade im Recruiting vielerorts überfällig scheint mir. Denn obwohl zwar auch prominente und hochdekorierte Menschen in TV-Live-Schalten regelmäßig im Bildschirmhintergrund das Bügelbrett oder den Wäscheständer stehen haben, müssen solche und andere Sorglosigkeiten im vielleicht eher journalistischen Kontext nicht Pate stehen für den Standard, den digital-virtuelles Recruiting in einer hybriden Arbeitswelt erfüllen sollte. Dabei geht es weniger um reine Netiquette, als um das Bemühen ablenkungsfrei und vor allem wertschätzend ein Kennenlernen zu ermöglichen und dabei ein professionelles Bild in einem „Arbeitskontext“ abzugeben, beiderseits.

Folgende Aspekte fallen mir als verbesserungswürdig oder zumindest betrachtenswert auf, auch da sie mir quasi wöchentlich begegnen.

Zuallererst ist die Technik zu beherrschen…. Konsens sind Facetime, Microsoft Teams, Google Meet und Zoom, möglich sind WhatsApp Videocalls oder individuell etablierte Systeme wie Jitsi oder Slack, auch Bluejeans kam mir schon unter. Soweit so gut. Easy, kann ja jeder inzwischen…

Technik beherrschen bedeutet dann aber eben auch stabil breitbandiges Netz zu haben, und nicht im Auto oder Zug zu sitzen, die aktuelle Software vor dem Start des Calls upzudaten, Bild, Licht und Ton zumutbar zu inszenieren (denn nein, das Gegenlicht aus dem großen Fenster im Hintergrund ist nicht angenehm). Auch allseits gelernt, kein Problem werden die meisten jetzt denken, denn das Anwenderkönnen ist inzwischen selten ein Thema. Dem stimme ich zu. Fast jeder kann ja inzwischen auch fehlerfrei Dokumente teilen, das Mikro stumm schalten, wenn sie oder er nicht dran ist, nebenbei chatten und sich mit Emojis und Handzeichen melden. So weit, so gut, kein Problem.

Gerade beim Recruiting leidet aber leider die Diskretion und Professionalität in Videocalls.

Offensichtlichstes Beispiel ist meistens der Video-Hintergrund.
Hier reicht die Bandbreite vom Default-Bildchen der Software-Anbieter (nett aber lieblos), über das unscharf stellen des Hintergrunds (ok, sieht aber selten schön aus), dem mehr oder weniger professionellen Echtbild des Home Office (top, aber dann bitte das Arbeitszimmer, das aufgeräumte), bis zu selbst erstellten oder corporate Marken-Backrounds (super, dann aber gerne mit Markenbotschaft und „in schön“ bitte). Denn interessanterweise werden gerade letztere, die ja geradezu nach Employer Branding schreien, erstaunlich oft wenig liebevoll, geschweige denn standardisiert und mit einer Botschaft, eingesetzt.

Der Gold-Standard sollte im Recruiting meines Erachtens das Echtbild einer durchaus persönlichen, aber aufgeräumten und professionell wirkenden und nach „Arbeitszimmer“ aussehenden Räumlichkeit sein. Kein Großraumbüro! Und so, dass die Botschaft rüber kommt, dass man sich ernsthaft und in einem beruflichen Kontext unterhält, eine gewisse Nähe und Authentizität zulässt und vor allem auch allen Teilnehmern der Diskretionsgrad transparent ist. Büros, bei denen ständig jemand durchs Bild latscht und die Bewerber nur erahnen können, wer sie sonst noch sieht und eventuell sogar hört, verbitten sich wie gesagt im Recruiting.

Ach ja, und das, was manche der eigenen Lässigkeit wegen mitunter bis hin in die Tagesschau-Schalte inszenieren (böse Unterstellung, ich weiß), ist auch im Recruiting ausnahmsweise ok, auch wenn’s mitunter manchmal stört: es ist akzeptabel, wenn Haustiere und die eigenen Kinder mal durchs Bild wackeln.
Mehr aber auch nicht, denn gerade im Recruiting darf man voneinander erwarten, dass man sich die 30-45 Minuten schon rein aus Gründen der Wertschätzung tatsächlich „frei geschaufelt“ hat.

Und bis flächendeckend der meines Erachtens überfällige „Hybrid Work Manager“ etabliert ist, der regelmäßig das Home Office besucht um Angebote (Arbeitsplatzergonomie, BGM, Familienhilfe, Tech und IT, Mobiliar,…), aber auch Auflagen (Arbeitsplatzergonomie, IT-Sicherheit und Datenschutz, Brand Fit und Professionalität des Home Office Arbeitsplatzes,…) zu machen und der damit auch so etwas wie den Videcall-Knigge etabliert und überwacht, schließe ich mit meinen Tops bzw. Flops aus achteinhalb Jahren Videocall-Recruiting (alles in echt und in ehrlich so passiert) … 🙂

„Kein Anschluss unter dieser Nummer“
Auch nach vier Jahren post-Pandemie Videocalling noch bei jedem zwanzigsten leider Usus: Das Videotelefonat mit viel Audio aber ohne auch nur ein bisschen Video… gerne begründet mit dem Software-Update. Nur in Ausnahmefällen ok…

„Winke-winke“
In puncto Diskretion nicht mal mehr eine „sechs“: Der Kollege im Großraumbüro erkennt den Bewerber und kommt mal eben rüber um nett zu grüßen. Sofort einfangen und abbrechen oder zumindest asap einen Location-Wechsel erbitten…

„Prost“
Tatsächlich schon zweimal erlebt: Der Bewerber trinkt während des „Vorstellungsgesprächs“ Bier. Aber hey, es war ja auch nach 17 Uhr, nur ein 0,3er und einmal immerhin aus dem Glas…:) Nunja…

„Vamos a la Playa“
Ok, da meist angekündigt: Recruiting-Gespräche im Urlaub per Handyvideo und unter Palmen, u.a. in Australien, Costa Rica und auf den Cap Verden. Nette Karibik-Vogelgezwitscher-Atmo inklusive…

„Kollege hört mit“
Tatsächlich sehr grenzwertig: Der Bewerber führ das Gespräch am Arbeitsplatz mit dem Hinweis, dass der Kollege mithöre und ja Bescheid wisse, dass man sich grade woanders bewerbe… sollte man abbrechen und neu terminieren…

„Ssänk ju for Trävelling…”
Das Gespräch im ICE… wird, wenn es ein echtes Recruiting-Gespräch ist, sofort abgebrochen. Alleine schon, um nicht mein eigenes Gesicht der halben Republik zu präsentieren…

„Familientreffen“
Auch, wenn das beim Telefonieren und nicht im Videocall passiert, immer wieder lustig: Der Bluetooth-Kopfhörer connectet sich während eines Gesprächs mit dem Auto und man hat den Ehemann oder die Ehefrau nebst Kindern am Hörer… passiert immer wieder, meistens sehr nett und natürlich ohne Kollateralschaden für den Bewerber…

„Putin“
Ganz wichtige Menschen haben ihre Kamera bzw. ihr Videosystem manchmal irgendwo am anderen Ende des Tisches platziert. Man erahnt das Gegenüber dann am Ende des drei Meter langen und zwei Meter tiefen Eichenholz-Sekretärs. Nunja, wer’s mag… Ist dann halt eher ein halbgutes Kreml-Gefühl im Videocall…

„Der Klassiker“
Der Wäscheständer, das Bügelbrett und generell und überhaupt immer ganz viel bunt verteilte Wäsche. Scheint vielen total egal zu sein. Ja mei, nicht verboten aber eben dann auch Teil der „first impression“, für die man keine „second chance“ bekommt…

„Nette Störenfriede“
Wie weiter oben schon „genehmigt“: Die/der Lebenspartner huscht durchs Bild, die lieben Kleinen quäken rein oder der bellende und durchs Bild wedelnde Hund hat seinen Auftritt. Mein Favorit bisher: der bei meinem Gesprächspartner zum Landeanflug ansetzende Wellensittich. Kann jedem passieren und ist meistens nett und lustig…

 

Über unseren Anspruch an die Ethik und Moral im Sport.

Über unseren Anspruch an die Ethik und Moral im Sport.

Im Nachgang zu den rauschenden Sportsommerfestivitäten in Paris, aber auch mitunter bei der EM in Deutschland, wurde mir ganz persönlich nochmal bewusst, welche Kraft der Sport hat, Sportevents haben, wenn man ihnen den „richtigen“ Rahmen gibt. Getriggert oder konterkariert wurde diese Erkenntnis und was man nun individuell damit anfangen solle, außer sich in der nächsten Olympiabewerbung zu verheddern, durch die jüngsten Diskussionen um Tennisturniere oder eSport Events in Saudi-Arabien und die begleitende Empörungskultur.

Heraus gekommen ist dieser geradezu politisch geratene Blogbeitrag. Ein Beitrag als Plädoyer für das eigene, ganz individuelle Aktiv-werden für „the good of the game“ und die Moral und Ethik des Sports im Lichte geo-sport-politischer Diskussionen und Differenzen.

Aber der Reihe nach und vorweg klar gestellt:
Der Publikums-Sport (medialisiert, kommerziell, professionell…) der letzten 50 Jahre ist vor allem geprägt von ganz großen und tollen Emotionen, ganz viel Identifikation und gemeinschaftlichem Erleben. Wunderbar! Aber – das darf dabei nicht außer Acht gelassen werden – dieser Sport ist auch geprägt von Egoismen, politischen und geopolitischen Interessen, mitunter enthemmter Vermarktung und einem unaufhörlichen Schneller-Höher-Weiter fast ohne Rücksicht auf Verluste.

Das bemerkenswerte an dieser punktuell auch zugespitzten Erkenntnis ist, dass in unseren Gefilden insbesondere die politischen und geopolitische Interessen und deren Folgen, erst seit wenigen Jahren, allenfalls zwei Jahrzehnten, wirklich auf- und missfallen und in Teilen der Sportwelt hinterfragt werden. Stets lauter und mitunter auch mit gutem Grund, wenn es in den arabischen Kulturraum geht und ging zuletzt, punktuell, wenn es China betraf und irgendwie seltsam leise noch damals als man in Sotchi Hof hielt. Denn der Sport als Instrument der Politik i.S. der Proklamation von Überlegenheit nach außen und innen co-existiert eigentlich seit vielen Jahrzehnten und schon vor der WM in Katar oder dem saudischen Geldregen auf die Sportweltverbände eben weitgehend unkommentiert neben dem Sport als Idealbild vom fairen Miteinander und universelle Sprache der Weltjugend. Wir oder Teile „des Westens“ und seiner Demokratien, mahnen zwar nunmehr öfter mal eine Rückbesinnung auf eine Ethik im Sport an. Aber die heutigen Mahner ignorieren gerne die eigene Vergangenheit, die einem eigentlich den erhobenen Zeigefinger weich werden lassen sollte.

Es wird „bei uns“ gern vergessen, dass der Sport als Mittel der Politik bzw. Sport in gänzlicher Ignoranz der Politik, bereits spätestens mit der Fußball WM in der Militärdiktatur Argentiniens im Jahr 1978 in ganz neuer Nachkriegs-„Pracht“ erblühte. Übrigens eng verbunden mit dem Aufstieg der FIFA zu einem big player der globalen Sportpolitik unter einem später der Korruption überführten Präsidenten Havelange. Alles auch in einer Zeit, in der Akteure wie der IOC-Präsident Samaranch (bekennender Franco-Anhänger) oder sein Vorgänger Brundage (Antisemit und Bewunderer der Nationalsozialisten) längst etablierte Macher der Branche waren. Also Obacht, wenn wir, wenn „der Westen“, heute den Zeigefinger erheben, ohne sich unserer Ziehsöhne wie Brundage (ein Amerikaner) oder Samaranch (ein Europäer aus Spanien) angemessen zu erinnern. Umtriebe anderer Großsportverbände unter europäischer Führung in den letzten Jahren seien hier noch gar nicht mit eingerechnet.

Entbindet diese mitunter fast fünfzigjährige Kollektivschuld der Neuzeit gegenüber vielen Werten des Sports nun von einer Re-Fokussierung auf die Moral im Sport und im Sportbusiness? Ganz im Gegenteil! Sport ist nicht möglich ohne ein friedliches Miteinander auch im Gegeneinander und jedwedes Regelwerk des Sports basiert auf Werten, die im Grunde die Basis jeder Demokratie sind wie Gerechtigkeit, Solidarität oder die Gleichheit aller Athleten unabhängig von Herkunft, „Rasse“, Geschlecht oder Religion. Diese DNA des Wettkampfsports ist älter als politischen Systeme und verträgt sich aus sich selbst heraus nicht mit Diskriminierung, Unterdrückung, Gewalt und Korruption.

Aus dieser Erkenntnis eigner „Versäumnisse“ und den vielen frischen schönen Eindrücken dieses Sportsommers in Deutschland und Frankreich resultiert zunächst ein Auftrag sich ehrlich zu machen. Gegenüber der eigenen Vergangenheit, genauso wie gegenüber denen, die die Werte des Sports mit Füßen treten. Vor allem aber auch ein Auftrag an „uns“ sich den Sport zurückzuholen. Die Ethik im Sport hoch zuhalten obliegt uns nicht nur im Ermahnen korrumpierbarer Organisatoren und ihrer Funktionäre oder der dahinter stehenden totalitärer Systeme alleine, sondern vielmehr auch indem wir uns z.B. im Ehrenamt engagieren, in Bildung und Bewegungskultur investieren, indem wir uns Sportgroßveranstaltungen wieder zu eigen machen, sie feiern und lieben wie in Paris oder den EM-Fan-Zones oder vielleicht auch einmal Sponsoring-Gelder aus zweifelhafter Quelle ablehnen, um so eben nicht den „anderen“ das Spielfeld zu überlassen und zu bejammern, dass diese „anderen“ die Deutungshoheit über den Sport erlangt haben wider der guten Werte. Meines Erachtens führt das deutlich weiter, als anderen Kulturräumen und Ländern, und seien sie noch so anders, undemokratisch, autoritär, ohne echte Publikumssportkultur, pauschal absprechen zu wollen, dass sie sich Sportgroßveranstaltungen zu Eigen machen. Denn das ignoriert leider die Macht des Geldes. Am Ende kann aber die Macht der positiven Emotionen als „unsere Währung“ stärker sein als der schnöde Mammon. Vielleicht und hoffentlich war Paris 2024 hierfür ein Reminder und Impuls. Nicht mehr und nicht weniger.