Vor gut zwei Jahren habe ich an dieser Stelle über Christian Lindners „mentalitätspolitische Standortfaktoren“ geschrieben. Damals bezugnehmend auf eine Aussage auf dem Weltwirtschaftsgipfel über die man sich vielleicht auch in der HR-Bubble kurz aufgeregt hat. Zwei Jahre später ist aus der Aussage und der Vokabel des „mentalitätspolitischen Standortfaktors“ in vielen Teilen Politik geworden.
Aber der Reihe nach
…und zu meiner Einordnung, warum die Art wie wir arbeiten, New Work und die notwendige Transformation unserer Arbeitswelt leider zum Politikum geworden ist und wir dieses als „Personaler:innen“ rationalisieren sollten, ohne es dem politischen Jahrmarkt-Geschrei zu überlassen. Erst recht in einer Zeit, in der Faschistenpöbel kurz vor echten Mehrheiten steht beflügelt von den Dummen, den Rechten, den Überforderten, die es nun mal auch als Arbeitnehmer:innen in unserer Personaler:innen-Obhut gibt.
Und ja, die KI durfte mit hier helfen, das Geschehene und Gesagte aufzuarbeiten, das sei vorweg eingeordnet.
Die Mär von der Vier-Tage-Woche
Es beginnt jedenfalls wohl spätestens im Mai 2023 als die Gewerkschaften die Vier-Tage-Woche fordern und die damalige Regierungspartei FDP natürlich gleich geschlossen dagegenhält. Marco Buschmann seinerzeit: „Keine Volkswirtschaft der Welt hat je erfolgreich um den Erhalt ihres Wohlstandes gekämpft, indem sie bei stagnierendem Wachstum und Arbeitskräftemangel einfach weniger arbeitet.“ Drei Wochen später ergänzt dann Lindner beim Wirtschaftsrat der CDU: „Unser Land braucht keine Diskussion über die Vier-Tage-Woche.“
Und damit hatten bereits leider beide Seiten, die Gewerkschaften und die liberal-Konservativen zwei Gänge zu hochgeschaltet.
Die Gewerkschaften mit einer Forderung, die bis heute nicht real ist und es auch nicht wird, denn die echte Vier-Tage-Woche ist die absolute Ausnahme, sowohl als Forderung wie auch als Arbeitgeber-Angebot. Und die Politik, die die Vier-Tage-Woche als Platzhalter für eine neue, andere, flexiblere Art der Arbeit, gleich dämonisierte, zuspitzte und anging und damit genauso wenig konstruktives beitrug. Aber vielleicht ging es beiden Seiten ja genau darum gar nicht.
Die faulen Deutschen (?)
Dann kippte nämlich leider erst der Ton so richtig. Im Dezember 2024 sagte Friedrich Merz im Bundestag: „Wir werden uns alle ein bisschen mehr anstrengen müssen, wir werden alle mehr arbeiten müssen.“ Im Mai 2025, am Vorabend seiner Regierungserklärung, wird er dann noch deutlicher: „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.“
Stopp-Fehler und Ungenauigkeit zugleich von ihm. Denn von der eigentlich allseits akzeptierten, erstrebenswerten und auch Gott sei Danke realen Work-Life-Balance hatte doch bisher gar niemand gesprochen. Was war denn hier plötzlich das Problem? Indem ein Begriff, den wir im Bemühen für eine bessere Arbeit seit Jahrzehnten proklamieren von einem Bundeskanzler als Wohlstandsrisiko gebrandmarkt wird, verroht der fachliche Diskurs dann leider. Grundlos und leider auch realitätsfern.
Danach ging es dann nämlich Schlag auf Schlag. Markus Söder gab im Februar 2026 zum Besten: „Eine Stunde Mehrarbeit in der Woche ist nicht zu viel verlangt.“ Und Merz wiederum war auch noch mal dran und unkte im Januar 2026 zum Krankenstand: „Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“ Gefolgt vom auf diesem Wege unumgänglich hergeleiteten und durcheskalierten Höhepunkt und Tiefpunkt zugleich, dem Antrag der Mittelstandsunion zum CDU-Parteitag 2026 mit dem Titel: „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“.
HR ist ab dann allerspätestens „F****** political“ – ob wir wollen oder nicht
Ein Wort, das mehr sagt, als es sollte und das – deshalb der Blogbeitrag hier – leider auch HR als Disziplin und alle, die ein Interesse an einer zeitgemäßen und funktionalen Arbeitswelt haben, nun endgültig in die Pflicht nimmt.
Denn ab jetzt wird’s halt leider F****** poltical für uns alle. Denn die Wortschöpfung „Lifestyle-Teilzeit“ ist rhetorisch und politisch und m.E. auch ethisch ein Totalschaden. Eine für viele Familien strukturelle Notwendigkeit wird hier als Konsumentscheidung diffamiert. Wer Teilzeit arbeitet, weil kein Kita-Platz da ist oder weil die Mutter oder der Vater gepflegt werden muss, bekommt dasselbe Etikett wie jemand, der von der eh nicht wirklich anstehenden „Vier-Tage-Woche“ in Workation auf Bali schwadroniert.
Das Unwort „Lifestyle-Teilzeit“ hat dann auch leider funktioniert, im Sinne von Aufmerksamkeit einerseits und weiterem Politik-Verdruss gegenüber der politischen Mitte andererseits, die wir doch gerade jetzt so sehr brauchen.
Aufruf zur Vernunft aus und für die gestaltende Wirtschaft und die politische Mitte
Gitta Connemann, die den Antrag verantwortet hat, ruderte dann übrigens gleich mal binnen von nur vier Wochen zurück: Die Überschrift meinte sie „hätte besser eine andere sein sollen“. Carsten Linnemann nannte es eine „verunglückte Wortwahl“ und ließ den Antrag dann auch umschreiben. Und Karl-Josef Laumann, stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender und NRW-Arbeitsminister, sagte den Satz, den man sich merken sollte: „Nein. Die Deutschen sind nicht faul.“ Na, Gott sei Dank.
Womit wir beim eigentlich spannenden Punkt wären.
Die aktuelle Diskussion um „New Work“ ist gar keine klassische Links-Rechts-Geschichte und leider trotzdem wieder ein Auslöser für Politik-Verdruss, wo es keinen gebraucht hätte. Denn die schärfste Korrektur der Union bzw. ihrer Schöpfung der „Lifestyle-Teilzeit“ kam gleich aus der Union selbst. CDA-Chef Dennis Radtke sprach von einem „absolut fataler Eindruck“ und auch Christian Bäumler (Landesvorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft Baden-Württemberg) widerspricht der eigenen Parteiführung deutlicher als manche Oppositionsrede. Denn auch diese ist ja gar nicht stabil bei dem Thema. Selbst Robert Habeck hatte 2024 über die Bahnstreiks gesagt, es werde „im Moment zu viel für immer weniger Arbeit gestreikt“. Und Hubertus Heil hat die Vier-Tage-Woche schon 2023 ganz abgelehnt. Vielleicht wusste er aber auch schon, dass die echte Vier-Tage-Woche eh nicht wirklich zur Debatte steht.
HR-Expertise statt politische Meinungen
Dumm nur, dass es dann nicht bei Worten blieb. Zwei Beispiele nur: die telefonische Krankschreibung soll fallen und im Juni 2026 lag der Referentenentwurf zum Arbeitszeitgesetz auf dem Tisch für Wochen- statt Tageshöchstarbeitszeit, ein Entwurf, den Arbeitgeber eine „Zumutung“ nennen, der DGB eine „Scheindebatte“, und den selbst die zuständige Ministerin irgendwie selbst nicht wollte.
Es wird also Zeit, dass die Arbeitswelt von morgen auch aus der Mitte der Aktiven, der Personaler:innen, und ohne politische Agenda gestaltet wird, statt sie zum Spielball zugespitzter Politik zu machen.
Anstelle der politischen Agenda von außen sollte fachlicher Diskurs, Experten:innen-Wissen und Zukunftsorientierung von innen treten, aus den HR-Abteilungen, aus den Unternehmen, aus der Wirtschaft.
Denn 1,2 Milliarden Überstunden allein 2024, davon 638 Millionen unbezahlt. 306.000 bis 430.000 fehlende Kita-Plätze. 3,9 Millionen Menschen in unbezahlter häuslicher Pflege sind Zahlen und Fakten, die man managen muss, nicht polemisieren.
Die HR-Bubble war also vielleicht zu lange unpolitisch, das war Teil des Selbstverständnisses, man ist und war ja Betriebswirt:in und wir machen Personalmanagement und ein bisschen Kultur, aber eben bloß nicht Politik.
Diese Trennung gibt es aber von der Politik aufoktroyiert wohl nicht mehr. Ob Teilzeit ein Recht oder Lifestyle ist und ob ein Krankentag Erholung oder Kostenfaktor ist, sollte nicht politisch entschieden werden, sondern mit klarem Verstand aus den Realitäten der Wirtschaft heraus und für eine moderne Arbeitswelt jenseits vorgestriger Wunschbilder.
In diesem Sinne: Yes, it’s f****** political. Everything’s political. Wir haben es nur lange nicht sehen wollen.
